Neuigkeiten

Rückblick: Neoliberalismus

Welche Auswirkungen haben neoliberale Wirtschaftsformen im Globalen Norden und Süden auf die Nachhaltigkeitsthematik? Mit dieser Frage befasste sich die vierte Ausgabe unserer Ringvorlesung. Dazu konnten wir mit unseren Referent*innen zwei spannende Perspektiven auf den Neoliberalismus einnehmen: In einem einführenden Vortrag wies Dr. Benedikt Schmid, der auch zu Postwachstumstheorien forscht, auf das wirtschaftliche Leitbild hin, das neoliberalistischen Governance-Formen zugrunde liegt: Demnach zielt effizientes Wirtschaften im Sinne eines kapitalistischen Systems primär auf die Mehrung von Geld ab. Konkret sei dies anhand von Maßnahmen zur Deregulierung, Privatisierung und der steuerlichen Belastung vor allem von Unter- und Mittelschichten zu beobachten. Konfliktforscherin Dr. Alke Jenss gelang es anschließend, die autoritäre Dimension des Neoliberalismus zu verdeutlichen, indem sie am Beispiel Lateinamerikas und insbesondere Chiles den “Austerity urbanism” als Folge einer Politik des schlanken Staates ausmachte. Bürger*innen versuchen dabei, Infrastruktur in strukturgeschwächten Regionen wiederherzustellen, die im Vorfeld der neoliberalen Governance, sei es durch Unwirtschaftlichkeit der dortigen Investitionen, zum Opfer gefallen war. Solche lokalen Strukturschwächen führten in der Regel zu einer höherer Ungerechtigkeit und einer daraus gerechtfertigten höheren Polizeigewalt. Die anschließende Diskussion brachte die spannende Frage auf, was an “Neoliberalismus” das Liberale, das Freiheitliche ausmache. Die Referent*innen kamen zum Fazit, dass Freiheit immer unterschiedlich konnotiert sei und der Freiheitsgedanke im bürgerlichen Sinne den Neoliberalismus hinterfragen müsse.

Rückblick: Umweltprotest

Die dritte Veranstaltung der Ringvorlesung des Nachhaltigkeitsbüros behandelte das Thema „Umweltprotest“. Ziel des Vortrags im Hörsaal 1098 war es, beginnend mit dem Jahr 1960, einen Einblick in die historische Entwicklung der Umweltprotestbewegungen über die vergangenen Jahrzehnte zu ermöglichen. Dafür gelang es uns, den Historiker Matthias Lieb von der Technischen Universität in Darmstadt zu gewinnen, der für sein Dissertationsprojekt das „Bürgerschaftliche Engagement für den Umweltschutz in der Stadt“ in den Mittelpunkt stellte und heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Universität die Themenfelder Umwelt, Technik und Geschichte verbindet. Besonders im Fokus stand am 5. Dezember 2019 die Frage, inwiefern Protestbewegungen aus dem urbanen Raum in ihrer Arbeit auf Gerechtigkeit zielten und wie sie ihre Vorstellungen im Zusammenwirken mit anderen städtischen Akteur*innen verhandelten. Beginnend bei den Alternativen Grünen Bewegungen seit den 1960er Jahren, zeigte Matthias Lieb die anfängliche Skepsis dieser Initiativen gegenüber der Institutionalisierung des Umweltprotests in Form der Grünen Partei auf, wusste diesen Konflikt aber durch die 1979 angestoßene Parteigründung und deren zunehmende Akzeptanz aufzulösen. Gleichzeitig machte er auf die schon damals starke Diversität der Bewegungen- ausgedrückt etwa durch Aktionen im Vogelschutz – aufmerksam. In der anschließenden Fragerunde wurde der zunächst historische Begriff auf seine Aktualität überprüft. Dabei kam insbesondere zum Ausdruck, welches Selbstverständnis derzeitigen Bewegungen wie Fridays For Future zugrunde liegt und was wir von den Gründungsmüttern und -vätern des Umweltprotests seit 1960, noch heute lernen können.

Rückblick (Bio)Diversity & Gender

Die erste Veranstaltung der Ringvorlesung im Wintersemester 2019/20 hatte die Verknüpfung von Biodiversität, Diversität und Gender im Fokus. Dabei gelang es den Referentinnen Aniela Knoblich (Stabstelle Gender & Diversity Uni Freiburg) und Marion Mangelsdorf (Zentrum für Anthropologie und Gender) unter der Moderation von Benjamin Thober und Teresa Ziegler (beide Initiative Nachhaltigkeitsbüro) diesen breit gespannten Bogen mit spannenden Erfahrungen, interessanten Verknüpfungen und vielschichtigen Beobachtungen zu füllen.
Zunächst berichtete Aniela Knoblich von ihren Erfahrungen bei der Arbeit in der Stabstelle Gender & Diversity an der Uni Freiburg. Mit dem sogenannten Diversity Wheel gab sie einen Überblick über die verschiedenen Dimensionen von Diversität. Zur inneren Dimension zählen dabei Aspekte wie Geschlecht, Alter und sexuelle Orientierung; die äußere Dimension umfasst unter anderem Religion und Weltanschauung und die organisatorische Dimension berücksichtigt beispielsweise den Arbeitsort einer Person und deren Funktion im Betrieb. Sie berichtete von sehr verschiedenen Einstellungen zum Thema Diversity an der Universität. Häufige Vorwürfe reichen von „linker Ideologie“ über „Trend aus den USA“ bis hin zu „Einmischung in die Wissenschaftsfreiheit“. Dabei sei gerade an der Universität die Förderung von Diversity wichtig, denn neben der gesetzlichen Verpflichtung der Hochschulen kommt ihr auch eine soziale Verantwortung zu und nicht zuletzt wurde erhöhte Diversity in Studien auch mit gesteigertem (Geschäfts-)Erfolg
in Verbindung gebracht. Arbeit an Diversity sei Arbeit an sozialer Nachhaltigkeit, die für eine sozial-ökologische Transformation unabdingbar sei. Knoblich zeichnete Parallelen zwischen Diversity und Nachhaltigkeit unter anderem in deren Forderung nach Verhaltensänderung der*des Einzelnen und dem stetigen Kampf gegen Widerstand. Sie wies auch auf die These hin, dass Wertschätzung für Mitmenschen und Wertschätzung für Umwelt sich gegenseitig bestärken können.
Marion Mangelsdorf begann ihren Vortrag mit einer Einführung in die Begrifflichkeiten der (Bio-)diversität und Geschlechterforschung, wobei sie auf deren untrennbare soziale, ökologischen und ökonomische Elemente verwies. Das Zitat „Hinter jedem Baum steckt auch ein Mensch“ leitete in das Grundkonzept des „gender-responsive participatory research“ über, welche sich mit Methoden zur Beteiligung der verschiedenen Gruppen an der nachhaltigen Bewirtschaftung ihres Landes beschäftigt. Ein besonderes Potenzial der geschlechterreflexiven Umweltforschung läge in der Integration kultur- und geschlechtsbedingter Unterschiede hinsichtlich des vorhandenen Wissens sowie des persönlichen Zugangs zur Natur. Marion Mangelsdorf berichtete zudem von ihren eigenen Erfahrungen bei Forschungsprojekten im Ausland, wobei sie auch den „sozialen gap“ bei
der Projektzusammenarbeit thematisierte. Von großer Wichtigkeit sei die Ablösung eines sprachlich geprägten Umgangs durch die Hinwendung zu einer umwelt- und
materiebezogenen Kommunikation, da vor allem hierdurch ein Zugang zu den Menschen vor Ort möglich gewesen sei. Kultur und Natur seien in ihrer Erfahrung nicht klar abgrenzbar, sondern stehen in einem stetigen Wechselspiel. Sowie der Wald die Grundlage für die Kultur der Bevölkerung sei, so präge diese wiederum die Konstruktion des Waldes.
Des Weiteren führte Mangelsdorf uns in das Konzept des „Marteloskops“ ein, welches als Methode zur Verbindung ökologischer und ökonomischer Perspektiven, insbesondere im Forstbereich, genutzt werden kann. So verkörpere dieses Projekt eine sinnbildliche Basis für nachhaltige Entwicklung, welche nur durch das Zusammenkommen verschiedener Interessengruppen und deren Auseinandersetzung miteinander möglich sei.
In der Diskussion wurde unter anderem die Vorreiterrolle von Gender in der Diversity-
Debatte hervorgehoben, die Prägung von Wissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit durch ihre vorwiegend männliche und weiße Sichtweise kritisch reflektiert und die Stärkung von unterrepräsentierten Gruppen in deren eigenem kulturellen und sozialen Kontext als Priorität herausgearbeitet.

Nächster Termin:
21.11. Klimagerechtigkeit (HS 2004)
Tobias Kurzeder

Ringvorlesung: Nachhaltigkeit und (Un-)Gerechtigkeit

Unsere Ringvorlesung „Nachhaltigkeit“ geht in eine zweite Runde!

Im Fokus steht diesmal das Leitthema ‚(Un)-Gerechtigkeit‘, das in seinen Bezügen auf den Nachhaltigkeitsdiskurs beleuchtet werden soll. Im Zuge der wachsenden medialen Aufmerksamkeit für die ökologischen Probleme der Gegenwart rücken zunehmend auch deren soziale Implikationen in den Fokus. Globale Ungleichheiten im Rahmen der Nord-Süd-Asymmetrie, soziale Spannungen innerhalb europäischer Gesellschaften, Aspekte der Generationengerechtigkeit aber auch Genderfragen sind nur einige der Themenfelder, die wir im Rahmen der Vorlesungsreihe kritisch betrachten wollen.

Eine Neuheit dieses Semester ist, dass unsere Ringvorlesung in den BOK-Bereich des ZfS aufgenommen wurde. Wenn ihr an der Uni Freiburg studiert, könnt ihr für den Besuch der Veranstaltungsreihe also nun auch ECTS-Punkte bekommen! Natürlich sind zu den Veranstaltungen auch weiterhin alle Interessierten willkommen, egal ob Student*in oder nicht.

Wir freuen uns, wenn ihr dabei seid und mitdiskutiert!

07.11. Diskussion: (Bio)Diversity & Gender– Hörsaal 1010
Dr. Marion Mangelsdorf (Universität Freiburg)
Dr. Aniela Knoblich (Universität Freiburg)
Moderation: Benjamin Thober und Teresa Ziegler (Nachhaltigkeitsbüro)

21.11. Klimagerechtigkeit – Hörsaal 2004
Tobias Kurzeder (Universität Freiburg)

05.12. Umweltprotest – Hörsaal 1098
Matthias Lieb

09.01. Diskussion: Neoliberalismus – Hörsaal 1098
Dr. Alke Jenss (Arnold-Bergstraesser-Insttut)
Dr. Benedikt Schmid (Universität Freiburg)
Moderaton: Dr. Roderich von Detten

23.01. Generationenzeitlichkeit – Hörsaal 3118
Dr. Daniel Falb

06.02. Diskussion: Konsumgerechtigkeit – Hörsaal 1098
T. B. A.

Alle Veranstaltungen beginnen um 18.00 Uhr.

Bericht zu den Hochschultagen für Nachhaltigkeit 2019

Montagmorgen auf dem Platz der alten Synagoge. Während Studierende und Dozent*innen ihre Räder abstellen, um in die ersten Veranstaltungen der Universitätswoche zu starten, ist wenige Meter weiter eine Leinwand aufgespannt, Farben und Pinsel stehen bereit. Beim Infostand unter der Frage „Wie sieht deine Stadt der Zukunft aus?“ geht es nicht nur darum, interessante Ideen und Impulse rund um das Zukunftsthema Nachhaltigkeit zu sammeln und auf die Leinwand zu bringen. Es ist
auch die erste von 26 kreativen, unterhaltsamen und wegweisenden Veranstaltungen, die in der Nachhaltigkeitswoche auf die Beine gestellt werden sollen, so viele wie nie zuvor. In den Dialog kommen, das ist die erste große Botschaft der Nachhaltigkeistage.

Tag 2, Dienstag, Innenhof der Evangelischen Hochschule. Rund ein Dutzend Studierende rund um Manu, Mitorganisator der Hochschultage, haben sich an der EH versammelt, um im Kreativworkshop ihre Vorstellungen, Ideen und Visionen der Stadt von morgen auszutauschen. Am selben Abend finden weitere Veranstaltungen statt, so etwa ein spannender, feministischer Stadtrundgang der Politikerin Birgit Heidtke und ein Vortrag des Sozialwissenschaftlers Günter Rausch rund um bezahlbares Wohnen, der anknüpfend an die Dietenbach-Debatte Ausblick darüber gibt, wie die Stadt günstigen Wohnraum für alle schaffen kann, was schließlich auch eine Frage des sozialen Zusammenhalts sei.

Als spannend erweist sich auch ein Vortrag am Mittwoch, der Wege in die autofreie Stadt aufzeigen soll. Wie kann die Stadt, wie können Bürger*innen und Politiker*innen mehr umweltfreundlichen Verkehr auf die Kette bringen?

Dass die Hochschultage auch über Freiburg hinaus die Menschen zum Umsteigen und Umdenken bewegen wollen, zeigt dabei die Einladung des Potsdamer Verkehrsaktivisten und Wissenschaftlers Dr. von Schneidemesser.

Absolutes Highlight für viele Interessierte ist der im Anschluss stattfindende Poetryslam am Mittwochabend, der das Spannungsfeld zwischen witzigem Unterhaltungsabend und ernster thematischer Behandlung der Klimakrise unter einen Hut bringt.

Auch am Donnerstag kommen Freiburger*innen und Interessierte von außerhalb voll auf ihre Kosten: Schwerpunkt liegt dabei bei der (Neu-)Entdeckung der Stadt: Unter den zwei großen Aspekten Postkolonialismus und Konsumkritik finden unter Leitung von Julia Rensing und Lisa Schneider zwei Rundgänge statt, die auch Ortskundigen einige versteckte nachhaltige Locations und Geheimtipps näher bringen, so etwa eine Station zur Verteilung von ökologisch angebautem Obst und Gemüse in einem Innenhof in der Belfortstraße.

Damit neben den Köpfen auch die Mägen profitieren, geht es wenige Stunden später zur Schnibbeldisko in die Studierendensiedlung, wo ebenfalls großen Wert auf zugleich lokale, ökologische und vegane Ernäherung gelegt wird, mit dem Schwerpunkt der Müllvermeidung.

In der Einführung des konsumkritischen Stadtrundgang geht es darum, verschiedene Konsumthemen und den persönlichen Umgang mit diesen zu reflektieren und zu diskutieren.

Doch angesichts der vielen Inputs, die die Veranstaltungen den Teilnehmenden mit nach Hause geben, stellt sich natürlich die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Keine Antwort, dafür aber einige Impulse dazu liefert der Markt der Möglichkeiten am Freitagnachmittag, bei dem erneut die Vielfalt der Nachhaltigkeitsgruppen deutlich wird. In einem unverbindlichen Rahmen können Besucher*innen sich dort mit den Aktiven – sei es von Greenpeace, Sneep oder Campusgrün – austauschen und in Kontakt bleiben.

Auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Nachhaltigkeits-Communities ist dabei ein wichtiger Bestandteil der Messe im Mensagarten. Ziel ist es, durch die Vernetzung der vielen verschiedenen Nachhaltigkeitsinitiativen Synergie-Effekte zu erreichen und als gesamte Nachhaltigkeitsbewegung noch mehr Bewusstsein für das wichtige Thema zu verwirklichen.

Der Samstag wird als aktivistischer Abschlusstag genutzt – beim Parking-Day geht es darum, einen Parkplatz in der Wihelmstraße zu besetzen, um erstens auf den Platzbedarf von überwiegend stillstehenden Autos in der Innenstadt aufmerksam zu machen, zweitens auf einem Sofa miteinander ins Gespräch zu kommen und drittens auch über die Nachhaltigkeitswoche hinaus ein Zeichen für die Verkehrswende zu setzen. Angesichts des Feedbacks der Anwohner*innen, die überwiegend sehr viel Zustimmung mit unserer Protestaktion zeigen, steht auch einer Wiederholung einer solchen Aktion nichts im Wege.

Fazit: Die Hochschultage 2019 waren eine spannende Einführung in das interdisziplinäre Themenfeld Nachhaltigkeit. Sowohl Studierende als auch Interessierte aus allen Altersgruppen sind in den Austausch gekommen, haben sich an Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Kreativworkshops beteiligt und ihre Fragen und Anliegen geäußert. Auch der Schwerpunkt ZukunftswerkStadt kam gut bei den Teilnehmenden an – nicht zuletzt deshalb, weil festgestellt wurde, dass in Freiburg auf dem Weg zur selbsternannten „Green City“ noch viel zutun ist. Darauf aufbauend wollen wir Nachhaltigkeit auch in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten in zahlreichen Formaten zum Ausdruck bringen – und freuen uns, wenn wieder viele interessierte und engagierte Köpfe dabei sind.

4netzen

Liebe vernetzungsinteressierten Menschen.

wir möchten euch ganz herzlich einladen zum ersten „4netzen“ – der monatliche Treffpunkt für Nachhaltigkeitsinitiativen in Freiburg. Gemeinsam wollen wir uns in lockerem Rahmen über laufende und geplante Projekte austauschen und Möglichkeiten für Kooperationen und Ressourcenteilung ausloten.

Stellt euch vor…

… ihr organisiert eine Demo und alle Umweltinitiativen in Freiburg sind dabei und mobilisieren mit

… die Stadt plant, einen Fahrradweg zu entfernen, aber alle Umweltinitiativen in Freiburg sind so gut vernetzt, dass wir sofort eine wirksame Kampagne am Start haben

… ihr organisiert eine Veranstaltung und es kommen viele Leute, weil nicht gleichzeitig noch 10 andere Veranstaltungen zu dem Thema stattfinden

… Umweltinitiativen in Freiburg schaffen es, eine gemeinsame Agenda zu schmieden und als politischer Akteur wahrgenommen zu werden

Wie kommt‘s? 4netzen!

Warum „4netzen“? Wir treffen uns am 4. jedes Monats, um uns zu vernetzen! 😉
Das erste Treffen wird am 4. September um 18:30 Uhr im Haus des Engagements in der Rehlingstraße 9 stattfinden.
Infos zur Location findet ihr unter https://haus-des-engagements.de/

Für das leibliche Wohl ist gesorgt – es wird Getränke auf Unkostenbasis und Verpflegung von Foodsharing geben.

Eine Anmeldung ist nicht nötig. Kommt einfach vorbei und leitet diese Einladung gerne an potenziell Interessierte Menschen und Gruppen weiter.

Rückblick: Nachhaltigkeit & Recht

Seit einigen Jahren schlagen immer mehr Länder neue, juristische Wege ein, der Natur oder nicht-menschlichem Leben einen höheren Stellenwert oder ihr gar den Rang einer Rechtsperson zuzuschreiben. Wir möchten die Grenzen und Möglichkeiten dieser rechtlich neuen Denkweise ausloten und sie als eine – in Deutschland noch weitgehend unbeachtete – Strategie für einen effektiveren Schutz von Ressourcen, Klima und biologischer Vielfalt diskutieren.   

Auch wenn uns es oft so vorkommt, dass Rechtssysteme jeden Sachverhalt einzuordnen und nach Kategorien des Erlaubt- und Verboten-Seins zu regeln vermögen, so bleibt gerade die Frage, was wir Menschen gegenüber nicht-menschlichem Leben dürfen und nicht dürfen, rechtlich noch weitgehend ungeklärt.

In der letzten Veranstaltung unserer Ringvorlesung diskutierten Philipp P. ThapaAndreas Gutmann sowie Anna-Julia Saigner als Moderation das Thema Nachhaltigkeit & Recht aus einer juristischen und philosophischen Sichtweise. 

Rechte sind immer auch Ausdruck von Norm- und Wertvorstellungen. So stellt sich die Frage, inwiefern eine anthropozentrische Moral auf die Natur überhaupt übertragbar ist. Welcher Zustand der Natur darf nicht zerstört werden, muss erhalten bleiben? Besitzt alles, was existiert einen moralischen Eigenwert? Dies waren einige aufgeworfene Fragen in der Veranstaltung.
Ein öffentlicher, freier Diskurs über den Umgang mit Natur ist möglicherweise wichtiger denn je – ist dabei dann hilfreich ihn gesetzlich festzuschreiben? Doch formt gerade das Gesetz unsere Vorstellung gesellschaftlicher Gerechtigkeit? Beispielsweise zeugen Frauenrechte oder Kinderrechte von einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Regeln, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen. 

Der Natur haben bereits einige Länder wie Bolivien, Ecuador oder auch Neuseeland eigene Rechte – wie beispielsweise das Recht auf umfassende Wiederherstellung – zugeschrieben. Trotzdem gibt es mangels ausreichender Gerichtsurteile aktuell noch zu wenig tatsächlichen Schutz der Umwelt. Gleichzeitig ist ein anderer Rechtsstatus der Natur nicht nur wichtiger Bestandteil einer Debatte um einen gesellschaftlichen Wandel, sondern könnte den Rechtfertigungsdruck menschlicher Interessen gegenüber nicht-menschlichem Leben erhöhen. Fraglich dabei ist es, ob die juristische Einordnung nicht-menschlichen Lebens als gleichwertiges Rechtssubjekt, den fortwährenden Dualismus zwischen Mensch & Umwelt lediglich in Gesetztestexte verlagert und damit keine pragmatische Lösung großer Umweltprobleme darstellt, sondern vielmehr die Problematik eines Gegeneinander noch zu verstärken droht. 

Gezeigt hat die Veranstaltung allemal, dass es sich lohnt, gemeinsam ins Gespräch zu kommen, Begrifflichkeiten, individuelle sowie gesellschaftliche Vorstellungen zu hinterfragen und neu zu begreifen.

Rückblick: Nachhaltigkeit & Resilienz

Nachhaltigkeit ist in aller Munde und schon erobert ein weiterer Begriff den Diskurs, wie zukünftige Gesellschaften sozial-ökologisch gestaltet werden könnten: Resilienz. Doch welches Konzept steht hinter dem Begriff der Resilienz? Oder ist Resilienz „Nachhaltigkeit 2.0“?

Resilienz war das Thema der fünften Veranstaltung unserer Ringvorlesung. Aber was bedeutet der Begriff Resilienz? Moderiert von Susanne Ober und Veronica Gnisia, Nachhaltigkeitsbüro Uni Freiburg, ging Prof. Dr. Hartmut Fünfgeld zuerst auf den historischen Kontext des Begriffs Resilienz ein. Er schlug drei Verständnisse von Resilienz vor: ein technisches, ökologisches und soziales. Er definiert den Begriff Resilienz als eine kollektive Eigenschaft, sich für das Ziel einzusetzen, mensch-gemachte Systeme Veränderungen zum Trotz zu erhalten. Hiermit wird auch deutlich, dass Resilienz ein sehr konservatives Konzept ist, da das Ziel ist ein System so zu gestalten, dass es in den Status quo „zurück springt“. Eine Schwierigkeit ist hierbei festzulegen welcher Zustand eines Systems als erhaltenswert gilt.  Somit fehlt dem Konzept Resilienz auch eine Vision zur Transformation des status quos. Prof. Dr. Hartmut Fünfgeld sieht eine weiter Gefahr des Begriffes darin, dass „unter dem Deckmantel der Resilienz“ neoliberale Denkweisen verschleiert werden und somit politische Verantwortung auf andere Bevölkerungsschichten (sozio-ökonomische Diskrepanz) verschoben werden.

Dr. Roderich von Detten diskutierte Resilienz und Nachhaltigkeit aus Forstwissenschaftlicher Perspektive und legte den Fokus seiner Rede auf die Kritik des Nachhaltigkeitsdiskurses und verknüpfte diese mit einer Resilienzkritik. Er fragte sich, in wie weit beide Konzepte Unsicherheiten und Nichtwissen mit bedenken. Das Konzept Nachhaltigkeit schafft einen „vagen Konsens“, alles möchte „nachhaltig“ sein, und harmonisiert dabei darunter liegende Ungewissheiten und Zielkonflikte anstatt sie zu thematisieren. Dabei zeigt die Erfahrung im Forstbereich, dass die Praxis immer eine Mischung aus geplanten und ungeplanten ist es meistens anders kam als gedacht. Die Problematik hierbei, sieht er darin, dass Messungen der Resilienz von Wäldern in Anbetracht der erheblichen Klimaplastizität ungewiss sind. Die Gefahr des Resilienzkonzeptes besteht in einer Verengung des Diskurses hin zu Expertenmeinungen, die vermeintlich fixierte Schwellenwerte festlegen und damit die Erfahrungen der Praxis „meistens kam es anderes als gedacht“ vernachlässigen. Denn, die tatsächliche Resilienz von Wäldern kann ernst in Zukunft in 30 bis 100 Jahren erkannt werden.